Bilderschätze? Fotografiegeschichte abseits der Bilder

Fotografien scheinen prädestiniert zu sein für die historische Forschung. Ihrer mechanischen und optisch-chemischen Entstehung haftet das dokumentarische Versprechen der Objektivität an. Dieser Umstand hat mitunter dazu beigetragen, dass Archive, Museen und Bibliotheken seit den 2000er-Jahren Millionen von Pressefotografien von Bildagenturen, Verlagen und Zeitungsredaktionen übernahmen. Die einst im industriellen Massstab hergestellten Fotografien erklärten sie zu Kulturgütern, zur «visuellen Dokumentation der Zeitgeschichte».

Der Beitrag greift zum einen diese Transformation der einstigen Gebrauchsgüter zu Geschichtsquellen auf. Das reichhaltige, über sieben Millionen Fotografien umfassende Archiv des Schweizer Ringier-Verlags veranschaulicht exemplarisch, wie sich die historische Bedeutung von Pressebildern in den letzten 40 Jahren überhaupt erst konstituiert und schliesslich mehrfach gewandelt hat. Fotografien, so der Ausgangspunkt, sind eben nicht per se Geschichtsquellen. Vielmehr sind sie in technologischen und marktwirtschaftlichen Prozessen auf unterschiedliche Weisen und in wandelnden wissensgeschichtlichen Konstellationen an historische Bedeutungen geknüpft und zu Geschichtsquellen gemacht worden.

Zum anderen bringt der Blick auf den Bedeutungswandel vom Gebrauchsbild zur Geschichtsquelle eine Praxeologie der Fotografie in Anschlag. Der Beitrag lotet daher auch aus, wie der Blick ‘neben’ und ‘hinter’ die Bilder den Historiker*Innen für die Arbeit mit Fotografien neue Wege weisen kann. Denn praxeologisch betrachtet ist die – allzu oft dokumentarisch aufgefasste – Geschichte im Bild Bestandteil einer Geschichte der Bilder, ihrer Diskurse und Medien, sowie ihrer Herstellungs-, Nutzungs- und Rezeptionsweisen. Das Fallbeispiel Ringier ist daher auch für die Archive fruchbar: Es zeigt, unter welchen Voraussetzungen der Reichtum an visuellen Archivquellen zum Rückgrat einer reichhaltigen historischen Forschung werden kann.

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