Das Leumundszeugnis sexueller Arbeit. Engagement von Genfer Sexarbeiterinnen für die Möglichkeit beruflicher Umorientierung (1980er Jahre)

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Widerstand von Genfer Sexarbeiterinnen gegen die Praktiken der Genfer Behörden zur Ausstellung eines Leumundszeugnisses für ehemals in der Prostitution tätige Frauen.

Frauen, die sich ausserhalb des Prostitutionsgewerbes für eine neue Anstellung bewarben oder sich selbständig machen wollten, mussten für bestimmte Berufszweige bei der Genfer Kantonspolizei ein Leumundszeugnis beantragen. Voraussetzung für dessen Erhalt war bis 1989 der Nachweis, dass sie mindestens drei Jahre lang nicht mehr als Prostituierte gearbeitet hatten. Legitimiert wurde dieses Vorgehen mit der Begründung, dass es sich bei der Prostitution um eine „notorische Sittenlosigkeit“ handle, welche den „unehrenhaften Charakter“ der sich prostituierenden Person zum Ausdruck bringe, deren in sittlich-moralischer Hinsicht „schlechter Ruf“ erst wieder hergestellt werden musste. Die Praktik der Genfer Behörden verfestigte gesellschaftliche Deutungen, die Prostitution weniger als Erwerbstätigkeit im Kontext geschlechtsspezifischer sozioökonomischer Ungleichheiten betrachteten, sondern in der Prostitution tätige Frauen auf eine Identität als „Prostituierte“ festlegten und fixierten. Denn die Folge der Genfer Regelung war, dass eine berufliche Neu- und Umorientierung für in der Prostitution tätige Frauen massiv erschwert wurde, wodurch viele von ihnen in die Armut gerieten und in der Prostitution blieben.

Im Genfer Verein Aspasie organisierte Sex- und Sozialarbeiterinnen wehrten sich ab Beginn der 1980er Jahre gegen diese Regelung und erreichten, dass sie 1989 aufgehoben wurde. Für ihren Widerstand war es zentral, Prostitution als Identitätszuschreibung aufzubrechen und als Erwerbsarbeit sichtbar zu machen. Denn erst die Anerkennung von Prostitution als Arbeit eröffnete aus ihrer Perspektive die Freiheit, sich auch gegen die Prostitution und für eine andere Erwerbstätigkeit zu entscheiden.

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