Arbeit von Frauen mit Frauen für Frauen – der Anspruch auf ein anderes Arbeiten im Frauenprojekt "Villa Kassandra" in den 1980/90er-Jahren

Das Frauenbildungs- und Ferienzentrum «Villa Kassandra» war von 1986 bis Anfang der 1990er-Jahre ein Zentrum der deutschschweizer Frauenbewegung. Die Gründung erfolgte mit dem Anspruch, Arbeitsplätze für Frauen zu schaffen, die sich «wesentlich unterscheiden von herkömmlicher Frauenarbeit». Arbeitsstrukturen und Arbeitsqualifikationen wurden neu bewertet nach Kriterien von Gleich-berechtigung, Ganzheitlichkeit und Qualifikation über Praxis. Betont wurden individuelle Stärken und Fähigkeiten, Supervisionen waren integrierter Bestandteil der Arbeit, die von Renovationen über Buchhaltung und Küchenarbeit bis zu breiter Bildungsarbeit alles umfasste. Das erworbene Know-how war prägend für die berufliche Weiterentwicklung vieler involvierter Frauen, die nach ihrer Zeit in der Villa Kassandra ihre Laufbahn vor allem in Bereichen wie Coaching, Mentoring, soziokultureller Animation, Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Gleichstellungsarbeit fortsetzten.

In unserem Forschungsprojekt zur Geschichte der Villa Kassandra untersuchen wir aus einer mikrohistorischen Perspektive die Konzeptionalisierung von Arbeit im Kontext eines Frauenprojekts. Mit historischen Interviews fragen wir danach, wie sich die Protagonistinnen an die Arbeitspraxis und das Bildungsverständnis in der Villa Kassandra erinnern und wie sie diese Erfahrung in Bezug auf ihre berufliche Weiterentwicklung deuten. Wir gehen dabei von der These aus, dass die Sehnsucht nach und der Anspruch auf sinnvolle und ganzheitliche Arbeits- und Lebensweisen und Mitgestaltungsmöglichkeiten von Frauen wesentlicher Bestandteil ist einer Genealogie der Neukonzeptionalisierung von Arbeit ab 1968. Zweitens verstehen wir die sogenannten Professionalisierungsentwicklungen an der Schnittstelle von Sozial-und Bildungsbereich als Teil des Kampfes um eine Anerkennung und Finanzierung von Frauenarbeit.

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