Persuasion mit allen Mitteln: Öffentliche Gerichtsprozesse im klassischen Athen

In der athenischen Demokratie des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. galt es für die Rhetores sowohl vor der Volksversammlung wie auch in den grossen Volksgerichtshöfen ihr Publikum rein mittels Reden zu einer Entscheidung zu bewegen. Grundlegend war dafür die Einflussnahme auf Meinungen, Werthaltungen und insbesondere Emotionen des Publikums, wofür die Rede den in der Gesellschaft gegebenen Vorstellungen von richtig und falsch entsprechen und zugleich das Publikum so beeinflussen sollte, dass diese Vorstellungen im Sinne des Redners auf das vorgebrachte Thema angewendet werden. So lassen sich auch an antiken Reden Formen von Framing erkennen, mit denen ein Redner sein Publikum zu überzeugen sucht.

Für diesen Prozess spielte Reichtum in verschiedenen Facetten eine Rolle: Ein Rhetor benötigte materielle Ressourcen, um überhaupt die Zeit aufwenden zu können, sich aktiv am politischen System zu beteiligen und zugleich um sich durch Bildung die benötigte Redekunst aneignen zu können. Rhetorik als immaterieller Reichtum konnte dann investiert werden, um soziales und politisches Kapital zu erwerben und so die eigene Machtposition zu sichern. Dies ermöglichte wiederrum das Erlangen von materiellem Reichtum, indem erfolgreiche Rhetoren gegen Bezahlung spezifische Themen einbrachten oder auch ganze Reden für andere verfassten. Zugleich musste der Redner in seiner Selbstdarstellung den Gleichheitsvorstellungen der attischen Bürgerschaft gerecht werden und seinen individuellen Reichtum als Gewinn für die gesamte Gesellschaft rechtfertigen. Es soll in diesem Beitrag gezeigt werden, dass trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen dieses Wechselspiel von Reichtum, Rhetorik und Macht in der antiken Demokratie ähnliche Mechanismen aufweist, wie wir sie von der Gegenwart kennen.

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