Die Erfindung des Bruttosozialprodukts. Angebots- und nachfrageseitige Treiber einer numerischen Dienstleistung

Die statistische Technik der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung hat sich zur Überraschung vieler Expertinnen und Experten nach dem Zweiten Weltkrieg in wenigen Jahren international etabliert. In den 1930er-Jahren betrieben Ökonominnen und Ökonomen z.B. in Indien, Grossbritannien oder den USA erste experimentelle Vermessungen ganzer Volkswirtschaften und debattierten heftig über Sinn und Unsinn einer solchen Numerisierung. 1945 machte die UNO das Volkseinkommen zur Basis für den Kostenteiler ihres Budgets und 1952 legte sie in Kooperation mit der OEEC ein erstes Manual vor. Seither gehört das Volkseinkommen zu den wichtigsten Eckwerten der politischen Kommunikation. Es dient als Grundwert für Ländervergleiche, wurde überall auch in der Innenpolitik zur Basis politischer Argumente, aber die Zweifel an seiner Aussagekraft blieben bestehen. Der Vortrag geht der Frage nach, warum eine bis heute akademisch heftig umstrittene Wissenstechnik zu einer sehr stark nachgefragten numerischen Dienstleistung werden konnte. Die Geschichte des Bruttosozialprodukts zeigt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bisweilen Instrumente anbieten, von denen sie nicht überzeugt sind, deren Erfolg sie aber nicht mehr loslässt.

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