„Fahrt nicht nach Griechenland!“ Tourismusboykotte gegen die Diktaturen in Spanien, Portugal und Griechenland, 1960er- bis 1970er-Jahre

Spanien, Portugal und Griechenland avancierten mit dem Tourismusboom der 1960er- und 1970er-Jahre zu besonders beliebten Reisezielen. Parallel dazu wuchs in diesen Jahren steigender Politisierung der westeuropäischen Gesellschaft die Kritik an den als zunehmend anachronistisch empfundenen autoritären Regierungen dieser Länder. Politische Organisationen, Gewerkschaften und Aktivistengruppen in ganz Westeuropa stellten die Wahl des Ferienziels als politische Entscheidung dar und warben dafür, durch Tourismusboykotte ein demokratisches Signal zu setzen und damit die Diktaturen zu schwächen.

Vor dem Hintergrund neuer Formen von Protest und politischer Partizipation, die die neuere Zeitgeschichtsforschung als ein prägendes Merkmal der 1960er- und 1970er-Jahre herausgearbeitet hat, untersucht der Vortrag Praktiken, Diskurse sowie die Reichweite der Tourismusboykotte gegen die Diktaturen. Im Zentrum stehen Protestaufrufe vornehmlich linker Aktivisten, die Einstellung und Reaktionen der Reisebranche sowie das Verhalten der Touristen im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftsinteressen, ideologischer Gesinnung und Freizeitaktivitäten. Tourismus als neues Konsumbedürfnis der mitteleuropäischen Wohlstandsgesellschaft war, so soll gezeigt werden, nahezu immun gegen die Anfechtungen der Aktivisten: Zu stark waren die gegenseitigen wirtschaftlichen Verflechtungen, zu gross die Attraktivität der südlichen Urlaubsziele auf dem Reisemarkt. Wirksam waren die Boykottaufrufe vor allem als Instrument einer Symbolpolitik zur politischen Selbstdarstellung. Der Blick auf die wirtschaftliche und die symbolische Dimension des Tourismus soll insgesamt zum besseren Verständnis der ambivalenten Beziehungen zwischen Demokratien und Diktaturen innerhalb Westeuropas während des Kalten Kriegs beitragen.

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