Stadtgesellschaft im Grünen. Eine Sozialgeschichte urbaner Natur am Luzerner Rotsee

Von der Kloake zur Naturoase – die Veränderungen des Luzerner Rotsees im 20. Jahrhunderts liesse sich als lineare Erfolgsgeschichte rationellen, modernen Regierungshandelns erzählen, durch welches ein Ursprungszustand wiederhergestellt wurde: Aus einem privaten und weitgehend toten Gewässer machte man ein öffentlich zugängliches, grünes Idyll. Nachdem um die Jahrhundertwende begonnen worden war, die Abwässer der wachsenden Stadtquartiere in den See zu leiten, kippte er um und eignete sich fortan nicht mehr zum Fischen, Schlittschuh laufen, Schwimmen oder zur Eisgewinnung. Doch Sanierungsmassnahmen machten ihn Stück um Stück wieder ganz: 1922 Frischwasserzuleitung, 1926 Enteignung und Zugänglichmachung der Ufer, 1930 Jagdbannbezirk, 1931 Kläranlage, 1964 Naturschutzgebiet und so weiter, und so fort.

Bei genauerem Hinschauen entpuppt sich diese Perspektive allerdings als unzureichend: So wurde etwa der See nur kommunalisiert, damit die Stadt die Abwässer der umliegenden Quartiere weiter einleiten konnte, ohne Schadenersatzzahlungen an den Eigentümer. So gehörten zum Naturreservat in den 1930er Jahren auch das Besiedeln mit Schwänen zur Zierde, das Züchten von Fischen zum Angeln und das Anlegen von Wegen durchs Dickicht zum Flanieren. Und so erhoben mehr und mehr auch Schwimmer, Ruderinnen und Modellbootpiloten, um nur einige wenige zu nennen, Ansprüche auf die Wasserfläche. Die Geschichte des Sees lädt dazu ein, widerstreitende und sich verändernde Konzeptionen von Natur in der Stadt nachzuzeichnen, die nicht unbedingt mit gegenwärtigen Ideen einer Grünstadt, Sustainable City o.ä. kongruent sind und somit in ihrer historischen Spezifität sichtbar werden. Den Naturraum Rotsee zu formen, hiess in Luzern, Gesellschaft zu machen.

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