Armut und Reichtum in den jüdischen Korporationen in Lengnau und Oberendingen

Niederlassungsverbote sowie Berufsbeschränkungen für Juden wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts offiziell als Schutzmassnahmen vor ‘Schacher und Wucher’ legitimiert. Das überkommene Stereotyp des ausbeuterischen Juden, der die christlich-bäuerliche Bevölkerung ins Elend stürze, war in Politik und Publizistik allgegenwärtig; so schrieb die liberale Zeitung ‘Schweizerbote’ 1831: «Sollten und könnten einmal alle Pfiffe und Kniffe der Israeliten aufgedeckt werden, wodurch sie den Wohlstand ihrer Nachbarn und entfernten Oerter zu Grunde richten: man würde erstaunen, (...) welche Geldsummen sie zusammenwuchern“, und der erste Bundespräsident des schweizerischen Bundesstaates Jonas Furrer verteidigte 1848 Niederlassungsverbote mit der Bemerkung, die Aargauer Juden hätten die umliegenden Gemeinden im Kanton Zürich systematisch „durch Wucher ausgesaugt.“

Faktisch jedoch herrschte in den beiden jüdischen Korporationen in Oberendingen und Lengnau eine hohe Armutsrate und den verantwortlichen Politikern war das auch bekannt. So warnte der Oberamtmann des Bezirkes die Aargauer Kantonsregierung schon 1803 davor, die beruflichen Möglichkeiten der Juden noch weiter einzuschränken, da man sich sonst einer veritablen Armutskrise gegenüber sehe: «Das Elend ist bey den meisten sehr gross, sie haben geradezu nichts mehr, es sind gewüss einige von ihnen der Verzweiflung nahe», und intern wurde denn auch immer wieder bestätigt, dass die Niederlassungsrestriktionen in erster Linie dem Fernhalten von armen Juden (‘Betteljuden’) aus dem In- und Ausland dienten.

In meinem Referat werde ich die Spannung zwischen imaginiertem jüdischem Reichtum und faktischer jüdischer Armut thematisieren, Ursachen und Wirkungen des antijüdischen Diskurses untersuchen und zeigen, welchen unmittelbaren Nutzen solche Judenfeindlichkeit für die christliche Mehrheitsgesellschaft hatte.

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