Reichtum aus « West », jüdische Massenmobilität aus « Ost »: Maurice de Hirsch und Versuche zur Überwindung systemischer Armut und Ausgrenzung um 1900

Maurice de Hirsch (1831-1896), kam zunächst als Bankier in Brüssel, Paris und London, dann als erfolgreicher Investor im Eisenbahnausbau in Zentral-, Ost- und Südosteuropa zu großem Wohlstand. Die Begegnung mit Armut in unterwickelten Regionen des Osmanischen Reichs veranlasste ihn dazu, sich innerhalb der Alliance Israélite Universelle über größere Geldzuwendungen zu engagieren.

Anfang der 1880er Jahre dehnte sich sein Engagement auf die russisch-jüdischen Flüchtlingskrisen aus; Hirsch beteiligte sich an der Finanzierung der Emigrationshilfe nach Amerika. Als die nachfolgende Massenauswanderungswelle von Juden aus Ostmitteleuropa, von denen die ärmeren Schichten meist nur über eine geringe oder keine Berufsausbildung verfügten, zu wachsenden Einreisebarrieren führte, gründete Hirsch 1891 drei Organisationen: die Jewish Colonization Association, den Baron de Hirsch Fund und die Baron von Hirsch-Stifung. Sie hatten zur Aufgabe, geeignete Einwanderungsländer außerhalb Europas zu finden, die Durchreise durch Europa und die Überfahrt nach Nord- und Süd-Amerika über materielle und andere Hilfe zu erleichtern. Im Einwanderungsland sollte die Integration über eigene Sprachkurse, Berufsausbildungskurse, Arbeitsvermittlungsstellen usw. gefördert werden. In den Herkunftsländern ging es darum, die Ausbildung der jüdischen Bevölkerungsgruppen über handwerkliche und landwirtschaftliche Ausbildungsstätten zu verbessern. Dazu bekamen die Organisationen von Hirsch, der seinen einzigen Sohn nur wenige Jahre zuvor verloren hatte, einen großen Teil seines Vermögens übertragen.

Die gesetzten Initiativen zielten auf Erziehung zur Selbsthilfe, so wie es beispielsweise über die Vorschusskassen, die sowohl in den Herkunfts- als auch in den Einwanderungsländern von der JCA eingerichtet wurden, deutlich wurde. Das Ziel war die sozioökonomische Integration der jüdischen Bevölkerungsteile; aber auch die Widerlegung der von antisemitischen Bewegungen immer stärker in Ost und West verbreiteten Stereotypen.

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