Durch Stillarbeit zu Reichtum? Ammen an frühneuzeitlichen Fürstenhöfen

Die Säuglinge von Fürstenfamilien wurden in der Frühen Neuzeit nicht von ihren fürstlichen Müttern, sondern von Ammen gestillt. Deren Position war ambivalent: Einerseits versprach ihre physische Nähe zu einzelnen Mitgliedern der Fürstenfamilie aussergewöhnlich gute Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs und der Akkumulation von Reichtum. Gleichzeitig setzte aber die relativ niedere soziale Herkunft der Ammen diesen Möglichkeiten innerhalb der für Fragen von Rang und Herkunft besonders sensibilisierten Hofgesellschaft Grenzen. Von Hof zu Hof scheint die Gewichtung der karrierehemmenden bzw. karrierefördernden Faktoren «soziale Distanz» und «Nähe zum Fürstenkind» unterschiedlich ausgefallen zu sein. Während etwa manchen Ammen der französischen Bourbonen ein sagenhafter sozialer Aufstieg gelang, scheint dies an Fürstenhöfen des Alten Reiches eher die Ausnahme als die Regel gewesen zu sein: Hier erhielten die meisten Ammen nach Erfüllung ihrer Aufgabe zwar eine Pension, schieden aber ansonsten wieder aus der Hofgesellschaft aus.

Das Referat vergleicht die Karrieren von Ammen an verschiedenen Fürstenhöfen und untersucht, auf welche Weise und in welchem Ausmass dabei Stillarbeit Zugang zu ökonomischen Ressourcen ermöglichte. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, wie die spezifisch körperliche Tätigkeit der Ammen von Fürstenfamilie und Hofgesellschaft wahrgenommen und bewertet wurde: Inwiefern brachte die körperliche Nähe zum Thronfolger Vorteile für die Amme, und wann wirkte sich die physische Qualität der Stillarbeit – eine Tätigkeit, die in der Wahrnehmung von Zeitgenossen einer Frau von Rang nicht zustattenkam – negativ auf ihr Ansehen und ihre Einflussmöglichkeiten aus? Ebenfalls diskutiert werden Fragen nach der Verteilung der erworbenen Ressourcen und nach den ökonomischen Implikationen der care chains, welche sich aufgrund der Abwesenheit der Ammen von ihren Familien ergaben.

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