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Von Bäumen, Tafeln und Dokumenten: Natur und Natürlichkeit in Verwandtschaftsdarstellungen

Verwandtschaft, Abstammung und Genealogie sind Begriffe, die bezüglich ihres historischen Bedeutungsrahmens mit der Vormoderne, meist dem Mittelalter, verbunden werden. Dabei verfügen diese Beziehungskonzeptionen nach wie vor über einen hohen Aktualitätsbezug: Firmen bieten anhand von Speichelanalysen eine genetische Analyse der Herkunft nach Ethnizität an, Anbieter wie MyHeritage vermarkten ihre Online-Datenbanken und versprechen damit die Aufschlüsselung der eigenen Familien- und Abstammungsgeschichte, und die moderne Medizin entwickelt immer komplexere Analysen zur Früherkennung und Bekämpfung von Erbkrankheiten. (Biologische) Abstammung und Verwandtschaft wurde und wird sozial wie wirtschaftlich kapitalisiert, sie wird damals wie heute kühn erfunden, aufwändig belegt, wo nötig geschönt, schamlos eingesetzt oder gar verschwiegen.

Schlagworte aktueller politischer Debatten wie «Abstammung», «Kernfamilie» oder «Verwurzelung» evozieren dabei Vorstellungen von vermeintlich natürlichen Zusammenhängen zwischen Verwandtschaft und Natur. In der Beschäftigung mit verwandtschaftlichen Quellenmaterialien wird schnell deutlich, dass das Wissen um, Handeln mit und Einlösen von Verwandtschaft Belege braucht, seien diese visuell-ästhetisch wie z.B. aufwändige Stammbäume oder schriftlich-dokumentativ wie z.B. Zivilstandsdokumente. Seit dem Spätmittelalter dominierten hierzu naturalistische Baumdarstellungen und heraldische Praktiken, die zeitgleich (und immer breiter) durch schriftliche Dokumente wie Ahnenproben oder tabellarischen Auflistungen ergänzt wurden. Ein Abflachen der gesellschaftlichen Bedeutung von Abstammung und Verwandtschaft in der Neuzeit lässt sich nicht beobachten - im Gegenteil: die Vielfalt an Darstellungsformen nahm seit dem 19. Jahrhundert beständig zu.

Verwandtschaftsdarstellungen bieten sich deshalb besonders an, um im Rahmen des Themas «Natur» über die «Natürlichkeit» sozialer Systeme und ihrer Repräsentationen nachzudenken und dabei aufzuzeigen, wie vormoderne, vermeintlich unwissenschaftliche, Darstellungen von ‹natürlicher› Verwandtschaft moderne Gesellschaften nachhaltig prägen.

Im Panel möchten wir folgenden Fragen nachgehen: Welche Rolle wird der Natur bei verwandtschaftlichen Darstellungen zuteil? Und damit insbesonders: Inwiefern beeinflusste die Natur diese Darstellungsformen und damit auch vergangene und aktuelle Vorstellungen von Verwandtschaft?

Ob Blutsverwandtschaft im Mittelalter oder DNA-Sequenzierung in der Gegenwart, Verwandtschaft und ihre Darstellungsformen dominieren und determinieren das gesellschaftliche und private Zusammenleben seit Jahrhunderten. Transepochal, interdisziplinär sowie globalgeschichtlich bietet sich das Thema als Schnittmenge für eine Vielfalt von Forschungszugängen an. Dieses Panel möchte unterschiedliche geschichtswissenschaftliche Forschungsschwerpunkte und Zeitbereiche zusammenführen und eine übergreifende Debatte über die «Natürlichkeit» von Verwandtschaftsdarstellungen ermöglichen.

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