Unterfinanziert oder verschwenderisch? Die Debatte über Reichtum und die Rolle des Staats in den westlichen Gesellschaften (1950-1980)

Die Erfahrung des Wirtschaftsbooms nach 1950 führte zu neuen Wahrnehmungen des Kapitalismus. Obwohl wiederkehrende Krisen und Armut immer noch eine Rolle spielten, stand die destabilisierende und ausbeuterische Kraft der kapitalistischen Wirtschaftsweise nicht länger im Vordergrund. Neu richtete sich Kritik verstärkt auf die Gleichschaltung der Menschen durch Massenkonsum oder die Zerstörung der Umwelt. Neoliberale Befürworter hin-gegen verteidigten den Kapitalismus neu als Ordnung zugunsten der kleinen Leute und individuellen Freiheit. In dieser Kontroverse wurde auch über die Rolle des Staats gestritten. Post-Keynesianische Intellektuelle wie John Kenneth Galbraith sahen den demokratischen Staat als Mittel, um die Dominanz grosser privater Unternehmen zu brechen. Um diese Rolle wahrnehmen zu können, musste der Staatshaushalt allerdings mit mehr Mitteln ausgestattet werden. Diese Sichtweise bekämpften neoliberale Intellektuelle, indem sie diese Logik auf den Kopf stellten. Allen voran Milton Friedman zeichnete ein Bild eines opulenten und selbstbereichernden Staatsapparats, dessen Macht es unbedingt einzuhegen galt.

Das geplante Panel setzt sich zum Ziel Beiträge zu vereinen, die Aspekte der skizzierten De-batte über den armen/reichen Staat aus der Zeit zwischen 1950 und 1980 beleuchten. Die bereits vorgesehenen Referate fokussieren auf die USA und Grossbritannien. Beiträge zu anderen Regionen sind aber explizit erwünscht.

Maurice Cottier untersucht in seinem Beitrag «Reiche Privatwirtschaft, armer Staat: John Kenneth Galbraiths Gesellschaftskritik» das Werk eines zentralen Denkers der post-keynesianischen politischen Ökonomie. Dabei wird gefragt, wie sich Galbraiths Denken im Verlauf der 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren veränderte und wie es von den Kritikern und Lesern aufgenommen wurde. Mithilfe von Rezensionen und Leserbriefen soll gezeigt werden, dass bei den Lesern die Zuversicht hinsichtlich eines aktiven Staats ab 1970er-Jahren zunehmend schwand – also just in der Zeit als neoliberale Argumente den Diskurs stärker zu prägen begannen.

Sören Brandes fokussiert in seinem Beitrag «Villen und Champagner: Politiker und Bürokraten in neoliberalen Fernsehserien um 1980» auf die Darstellung des Staats in Milton Fried-mans 'Free to Choose' und in 'Yes, Minister'. Hier wurden die Repräsentanten des Staats nicht als Helfer gegen die Unwägbarkeiten des Kapitalismus, sondern als feindliche, abgehobene Elite dargestellt, die sich auf Kosten der Bürger bereicherte. Wie der Beitrag aufzeigt, war die Produktion der beiden Serien eine bewusste Strategie neoliberaler Netzwerke, die in diesen Jahren verstärkt auch breitere Bevölkerungsschichten zu erreichen suchten. Damit ging eine narrative Wende hin zu einem neoliberalen Populismus einher, der ganz wesentlich auf einer spezifischen Darstellung von Reichtum fusste.

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