Jenseits von Luxus und Nachahmung. Reichtum und Konsum in der Geschichte der Neuzeit

Die sogenannte Nachahmungsthese prägt nach wie vor vielfach die Art und Weise, wie das Aufkommen konsumgesellschaftlicher Phänomene und Strukturen in der Neuzeit erzählt wird: Der (Luxus-) Konsum der Reichen und Mächtigen setzte den Massstab, dem die unteren Klassen im Rahmen ihres beschränkten ökonomischen und/oder kulturellen Kapitals zu folgen versuchten. Das wiederum stachelte die Distinktionsbemühungen ersterer an, und so begann sich eine Spirale zunehmenden Konsums zu drehen. Eine Variante davon ist die Annahme, dass der Vergleich mit dem Konsum der (kaufkräftigeren) Nachbarn nicht, wie Karl Marx es formulierte, zu abnehmender Befriedigung führe, sondern zu mehr Leistung motiviere. In den vergangenen Jahrzehnten wurde immer wieder Kritik an solchen Darstellungen laut. Sie tendierten etwa dazu, die Kaufkraft der Vielen zu unterschätzen oder als lediglich nachrangiges Phänomen zu betrachten. Deren Vorlieben würden zudem bloss als »abgeschmackte« Version des Oberklassenkonsums dargestellt.

Mit Blick auf diese Debatten fragt das Panel danach, wie das Verhältnis von Reichtum und Konsum in aktuellen Forschungen verhandelt wird. Dabei geht es von der These aus, dass die schlichte Gegenüberstellung von »Reichen« und »Anderen« der Komplexität des Phänomens »Reichtum« nicht gerecht werden kann. Weder handelt es sich bei ersteren um eine homogene Gruppe, noch konsumieren sie unabhängig von vielfältigen sozialen Beziehungen. Es gilt also zu untersuchen, wie genau sich der Konsum der Reichen im Spannungsfeld von Austausch mit und Distinktion von anderen sozialen Gruppen konstituiert. In den Fokus geraten so der Umgang mit (familiären) Ressourcen und die Repräsentation von Reichtum und Macht durch Konsum ebenso wie die sich verändernden Perspektiven auf das Verhältnis von Arbeit und Konsum.

In einem ersten Beitrag wird die These diskutiert, dass um 1900 nicht einfach die Konsumpraktiken des wohlhabenden Bürgertums von einer breiter werdenden Angestelltenschicht übernommen wurden. Während das Bürgertum massgeblich am Vordringen (konsum-)kapitalistischer Verhältnisse beteiligt war, begegnete es modernen Konsum- und Freizeitpraktiken bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mit Ablehnung. Der Konsum diente der Reproduktion von familiärer Gemeinschaft und sozialem Kapital, nicht dem individuellen Erlebnis. Ein zweiter Beitrag widmet sich den Vermögensberatern von Reichen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts orchestriert und koordiniert diese expandierende Berufsgruppe die massgebliche Facetten des Konsums ihrer Klientel. Zugleich werden sie selbst eine Art KonsumentenInnen in der zweiten Reihe. Die Konsumwelt, die sie für ihre Klientel erschaffen, begreifen sie nicht nur als ihr Werk, sondern sie haben auch Teil daran. Der Beitrag thematisiert so unterschiedliche Dimensionen der Bedingtheit der Konsumpraktiken von Reichen. Deutlich wird dabei nicht zuletzt, dass die Konsumpräferenzen reicher Menschen nicht in dem Masse sozial endogam sind, wie oft hypostasiert.

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