Das Vetorecht der Kundschaft. Konsumboykott als Politik in den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren

Wer reich ist, kann leichter auf etwas verzichten. Aufrufe zum massenhaften Boykott bestimmter Güter sind ein Mittel der modernen Konsumgesellschaft zum Ausdruck von ökologischen, politischen oder sozialen Wertvorstellungen. Konsumboykotte sind eng mit der Ausbildung der industriellen und globalisierten Gesellschaft und ihrer politischen Strukturen verbunden. Beispiele reichen von der Ächtung von Zucker aus Sklavenplantagen im 19. Jahrhundert bis zur Vermeidung plastikverpackter Lebensmittel unserer Tage. Innerhalb der langen Geschichte von Boykotten und Boykottaufrufen treten die 1960er- bis 1980er-Jahre besonders hervor: Zeitgleich zu einer bis dahin unerreichten Ausweitung der Konsummöglichkeiten als Zeichen zunehmenden Wohlstands breiter Bevölkerungsschichten besonders in Westeuropa und Nordamerika etablierten sich neue Formen politischer Partizipation. Dazu gehörte ein steigendes Bewusstsein dafür, dass mittels Konsumentscheidungen Protest geäussert und Macht ausgeübt werden konnte. Dabei weitete sich in den Boykottaufrufen dieser Zeit sowohl das Spektrum der anvisierten politischen Ziele aus als auch das der Konsumgüter, Anbieter oder Regierungen, gegen die sich der Boykott richtete. Der vielzitierte Slogan der Frauenbewegung „Das Private ist politisch“ wurde auch auf andere Lebensbereiche wie Konsumentscheidungen übertragen und bot im Gegensatz zur klassischen Diplomatie oder zu parlamentarischen Prozessen jedem Konsumenten, jeder Konsumentin ein Mittel zur direkten Mitbestimmung. Engagierte Bürgerinnen und Bürger der reichen, demokratisch regierten westlichen Gesellschaften sahen im Konsumboykott eine Möglichkeit, durch individuelle Konsumentscheidungen nicht nur lokal und national auf politische und gesellschaftliche Prozesse einzuwirken, sondern durch den Boykott von Gütern aus diktatorischen oder menschenrechtsverletzenden Regimes auch international Einfluss zu nehmen.

Das Panel untersucht Aufrufe zu Konsumboykotten als ein Mittel zum politischen Protest in den Wohlstandsgesellschaften der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre. Im Zentrum stehen die Schweiz und ihre europäischen Nachbarn als Teil internationaler Protestbewegungen und transnationaler gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Vorträge analysieren die jeweiligen Ziele der Aktivistinnen und Aktivisten, die damit verbundenen Auffassungen des „Privaten“ und des „Politischen“, die verbale und ikonographische Semantik der Boykotte sowie die Wirkmächtigkeit der Aufrufe. Wie einflussreich war das „Vetorecht der Kundschaft“ als gesellschaftliches und politisches Machtmittel? Wo konnten mit Konsumboykotten politische Ziele erreicht werden, wo ging es vor allem um eine symbolische Repräsentation bestimmter Haltungen und Gesinnungen? Das Panel leistet damit einen Beitrag zur Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen von individuellem Reichtum als Machtinstrument und beleuchtet die Rolle des kollektiven Konsumverhaltens als Medium politischer Mitbestimmung respektive Selbstvergewisserung.

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