Tempo des Lebens: Zeit und Geld im historischen Alltag

Geld gilt nicht nur als Produzent, sondern als der Gradmesser von Reichtum und sozialer Ungleichheit. Aber wie genau ist die Einteilung dieses Massstabs aufgebaut, oder, um das Problem in eine historische Frage zu wenden: Wie haben in unterschiedlichen Momenten und Räumen historische Akteure und Institutionen den Gradmesser Geld eingestellt, sich an ihm orientiert oder ihn angefochten? Dieser Frage widmet sich das Panel, indem es einen bestimmten Aspekt des gesellschaftlichen Mediums Geld fokussiert, nämlich seine temporale Dimension.

Geld sei „a subtle device for linking the present to the future“, befand John Maynard Keynes. Als Beziehung zwischen historischen Akteuren ebenso wie als institutionalisiertes gesellschaftliches Verhältnis besteht Geld wesentlich aus Zeit: Zu denken sind an Leibrenten oder „ewige“ Grundpfandpapiere, an das Spiel mit dem Intervall in Kreditbeziehungen, an die „galoppierende“ Inflation, an umverteilende Sozialsysteme und individuelles Vorsorgen oder an das in Mikrosekunden getaktete algorithmische Trading. Geld temporalisiert, historisch höchst wandelbar, Wirtschaft und Gesellschaft, und Veränderungen im Medium Geld wirkten sich, wie ZeitdiagnostikerInnen seit Georg Simmel beobachtet haben, im Tempo des Alltagslebens aus. Die Zeitdimension der Verfügungsmacht über Geld gestaltet und zementiert zudem die soziale Ungleichheit von Gesellschaften: stabile Zukunftshorizonte und ein Bewusstsein über das eigene Erbe zeichnen Privilegierte und Herrschende aus, die prekäre Ökonomie des Notbehelfs hingegen ist im wesentlichen momenthaft-aleatorisch und für die sogenannt kleinen Leute mit vielen Unsicherheiten verbunden. Schliesslich ist das gesellschaftliche Medium Geld gebunden an infrastrukturelle Apparate und Institutionen wie Metalle, Telegrafenticker, Währungssysteme, Anleihenmärkte oder Börsen, die als steuerbare Medien der Wertbeständigkeit und der Volatilität fungieren.

Die Panelbeiträge beleuchten die Zusammenhänge von Geld und Zeit anhand empirischer Fallstudien, die von der Vormoderne bis zur Gegenwart reichen. Ziel ist es, die Temporalität des Geldes spezifisch historisch von den Rhythmen der Praktiken her zu beobachten. Auch interessieren Beispiele, welche soziale Felder und Beziehungen zwischen Akteuren sowie gesellschaftliche Bereiche fokussieren, die von der zeitlichen Dimension von Geld unberührt blieben beziehungsweise Alternativen im Sinne von konkurrierenden Zeitlichkeiten des Geldes boten.

Das Panel verfolgt eine theorieorientierte Ambition, die sich indes aus einem intensiven Interesse an konkreten historischen Fällen speist – erst die Komplexität konkreter Fälle, so geht unsere Wette, vermag die historisch-epistemologische Frage nach den Metriken der Zeit im Medium Geld zu entschlüsseln.

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