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Die «Natur der Sache». Herstellung von Geschlecht und Ökonomie im 19. Jahrhundert

Es liege in der «Natur der Sache», so sagt man, doch was heisst das genau? Schon Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte «eine solche Verwirrung über das, was man unter dieser ‹Natur der Sache› verstehen soll», dass ein kritischer Beobachter wie der deutsche Rechtsprofessor Burkard Wilhelm Leist «dieses unklare Wesen (...) zu den gefährlichsten Werkzeugen wissenschaftlicher Argumentation» zählte. Das Panel nimmt diese Irritation zum Anlass und fragt nach den Verwendungszusammenhängen und Einsatzfeldern der Formel bei der Konstituierung von Geschlechterverhältnissen in der kapitalistischen Moderne.

Ausgangspunkt der als Wissensgeschichte von Naturmetaphern und Natursemantiken angelegten Vorträge bildet ein Metatrend, der das 19. Jahrhundert durchzog: die Biologisierung der Geschlechterdifferenz. Diese tiefgreifende Entwicklung ist mittlerweile durch eine Vielzahl von Studien untersucht worden, wobei Karin Hausens Aufsatz zur «Polarisierung der Geschlechtscharaktere» noch immer als Referenz gilt. Während die sozialhistorische Forschung sich vor allem auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung innerhalb der Familie und die für die bürgerliche Gesellschaft konstitutive Trennung von öffentlich und privat konzentrierte, interessieren wir uns (auch) für ausserhäusliche ökonomische Schauplätze und Szenerien, wo Geschlechterunterschiede von wissenschaftlichen Akteur:innen und staatlichen Instanzen naturalisiert, essentialisiert und ontologisiert wurden.

Die vielfach zitierte «Natur der Sache» dient uns dabei als analytische Sonde, mit der wir die Konstruktion von Geschlechterunterschieden mit Prozessen der Modellierung ökonomischer und nicht-ökonomischer Sphären kombinieren und so die Vergeschlechtlichung ökonomischer Subjekte und die Herstellung von «economic nonentities» (Margot C. Finn) diskutieren. Der Fokus liegt auf dem Globalen Norden, zu den Untersuchungsfeldern gehören neben der ökonomischen Theoriebildung und anderen Formen der intellektuellen Denkarbeit auch Konsumpraktiken.

Ziel unseres Panels ist es, geschlechterhistorische Perspektiven mit Fragestellungen der Kapitalismusgeschichte zusammenzuführen und so die Bedeutung biologisch fundierter, vermeintlich «natürlicher» Geschlechterunterschiede bei der Produktion ökonomischer Verhältnisse herauszuarbeiten.

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