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Wissenschaftliche «Naturexpertise» und demokratische Krisenpolitik in der jüngeren Geschichte

In der Geschichte demokratischer Staaten ist «Natur» als Motiv des politischen Denkens und Handelns hauptsächlich in zwei Erscheinungen aufgetreten: bedrohlich und bedroht. Im ersten Fall war es der Mensch, dem Schaden von natürlichen Gewalten drohte, im letzteren die Natur, die durch menschliche Eingriffe in Gefahr war. Die Beziehung von Mensch und Natur erschien dadurch als chronisch krisenhaft. Schon im 19. Jahrhundert rückten wissenschaftliche Experten in die Rolle von Krisendiagnostikern und -therapeuten, getragen vom Versprechen, mit ihrem Fachwissen Gefahren orten, eindämmen oder abwenden zu können. Naturexperten setzten sich ebenso für den Schutz des Menschen vor Überschwemmungen oder Lawinen wie für den Schutz der Natur vor menschlicher Verschmutzung oder Ausbeutung ein. Naturexpertise geriet dadurch in eine ambivalente Position, weil sie im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts Krisen bekämpfte, die erst infolge des wissenschaftlichen Fortschritts entstanden waren. Dadurch wurde in der Naturexpertise das Konzept des Fortschritts selbst ambivalent und sie selbst in demokratischen Gesellschaften mit ihrem pluralistischen bis polarisierten Meinungs- und Medienspektrum hochkontrovers.

In der jüngeren Vergangenheit haben sich politische Kontroversen um Naturexpertise nochmals verschärft – dies im Zusammenhang mit intensivierten Krisenerfahrungen, in denen die zwei Erscheinungsformen einer krisenhaften Natur immer weniger voneinander unterscheidbar wurden. Spätestens in der Klima- und Coronakrise verschmolzen die bedrohte und bedrohliche Natur in der wissenschaftlichen Problembeschreibung. Die Zerstörung natürlicher Gleichgewichte durch den Menschen wurde zur Gefahr für den Menschen, sei es infolge der Verbrennung fossiler Energieträger oder des Konsums virenbefallener Wildtiere. Naturexpertise wurde folglich immer enger verzahnt mit Gesellschaftskritik. Die Konsequenz jedoch, dass sie dadurch keine Domäne der Natur- und Technikwissenschaften, sondern ebenso der Sozial- und Geisteswissenschaften sein müsste, wurde in der Politik wie in der Wissenschaft noch kaum gezogen. Umso dringlicher stellt sich heute die Frage, ob demokratische Systeme mit ihrer institutionalisierten Langsamkeit durch Interessenausgleich und wechselseitige Kontrolle überhaupt noch in der Lage sind, Krisen von Natur und Gesellschaft zu bewältigen.

Das Panel soll sich unter anderem folgenden Fragen widmen: Welches Verständnis von Natur und Gesellschaft kam in wissenschaftlicher «Naturexpertise» zu verschiedenen Krisen zum Ausdruck? Wie veränderten sich die Formen der politischen (und medialen) Intervention aus der Wissenschaft im Verlaufe der Zeit? Welchen Bezug hatte Naturexpertise zu spezifischen Organisationsformen demokratischer Staaten und was für Reaktionen löste sie in Parlamenten und Regierungen aus? Welche wissenschaftlichen Fachrichtungen standen in Naturexpertisen im Vordergrund und warum?

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