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«Wider die Natur». Verhaltensauffällige Kinder im Visier der Psychiatrie im 20. Jahrhundert

Um die Jahrhundertwende entdeckte die Psychiatrie das Kind. Sie begann, dessen «auffälliges Verhalten» systematisch zu untersuchen. Die Experten teilten die Kindheit in «natürliche» Entwicklungsstadien ein, an denen sie das Verhalten eines Kindes massen. Dem «normalen» altersgerechten Verhalten stellten sie das «anormale» und pathologische gegenüber. Vor diesem Hintergrund bildete sich im Lauf des 20. Jahrhunderts die Kinder- und Jugendpsychiatrie als Fachdisziplin mit eigenen Methoden und Zugängen heraus, die in zahlreichen «Beobachtungsstationen» erprobt wurden.

Die junge Disziplin legte damit in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Problemlagen und weiteren Institutionen und den Behörden wirkmächtig Normalität fest. Sie dehnte ihren Einflussbereich weit über ihre disziplinären Grenzen aus. Psychiatrisches und psychologisches Wissen fand Anwendung in der Schule, der Pädagogik, der sozialen Arbeit und Fürsorge. Psychiaterinnen und Psychiater übernahmen Gutachtertätigkeit für die Kinder- und Jugendfürsorge, für die Erziehungsberatung, für die Justiz und später für die Invalidenversicherung. Mit wandelnden therapeutischen Ansätzen sollten die jungen Patientinnen und Patienten in ambulanten und stationären Kliniken den Bedürfnissen der sich wandelnden Moderne angepasst werden. Der Ausbau des Sozialstaats, aber auch neue Erwartungen seitens der Eltern, der Schule und der Arbeitswelt wirkten als Treiber dieser Entwicklung.

Während sich in den letzten Jahren die geschichtswissenschaftliche Forschung der Psychiatrie vor allem unter machttheoretischen Ansätzen genähert hat, ist die Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie kaum erforscht. Das vorliegende Panel bezweckt mit seinen Beiträgen, eine erste Standortbestimmung für den schweizerischen Kontext vorzunehmen und damit Impulse für die weitere Forschung zu geben.

Die Beiträge des Panels zeigen auf, wie Vorstellungen von der Natur des Menschen sowohl in die kinderpsychiatrische Theoriebildung als auch in die Praxis einflossen. Sie machen darauf aufmerksam, dass vermeintlich «natürliche» Eigenschaften von Kindern auf kontingenten Praktiken und Wissensbeständen beruhen, die ständig neu ausgehandelt und damit in unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexten hergestellt werden. Folgende Fragen stehen im Zentrum: Wie prägten Vorstellungen von der Natur des Kindes die sich im 20. Jahrhundert ausdifferenzierende Kinder- und Jugendpsychiatrie? Was waren die ihr zugrundeliegenden Normalitätsvorstellungen? Welchen Veränderungen waren sie unterworfen? Wie wirkten Konzepte von «natürlicher» bzw. «gestörter» Entwicklung auf die Fachdisziplin? Worin unterschied sich die Kinder- von der Erwachsenpsychiatrie? Und nicht zuletzt: Welche Konsequenzen hatte die Psychiatrisierung der Kindheit für Institutionen jenseits der Medizin, zum Beispiel für die Schule oder die Sozial- und Fürsorgepolitik?

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