Postkoloniale Schweiz im Geschichtsunterricht am Gymnasium

Samstag, 5. Mai
10:40 bis 10:40 Uhr

Wie sinnvoll es ist, postkoloniale Ansätze auch auf den Schweizer Nationalstaat, der nie eigene Kolonien besessen hat, anzuwenden, haben zahlreiche Untersuchungen der letzten zwanzig Jahre gezeigt. In diesen Arbeiten wurde die Schweiz als Teil einer global vernetzten Welt wahrgenommen, indem die schweizerische Gesellschaft, Politik, Kultur und Wirtschaft in einen globalgeschichtlichen Zusammenhang gestellt wurden. Sei es, dass die Beteiligung von Schweizer Akteuren am transatlantischen Sklaven- und Kolonialhandel oder die Verflechtungen von Schweizer Unternehmen mit neokolonialen globalen Wirtschaftsstrukturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts analysiert wurde. Zentral in diesem Themenbereich ist das Thema der Tagung «Reichtum». Oder sei es, dass die kulturellen Aspekte, wie die Analyse der noch andauernden Wirkungskraft kolonialer Denkmuster und Kategorien im Alltag wie auch in den Wissensstrukturen, Gegenstand der Untersuchungen waren. Zentral für die kulturelle Analyse ist die Konstruktion des «Andern». «Für die Konstitution europäischer Subjektivitäten und nationaler Identitäten, so zeigen die postcolonial studies, spielen die Abgrenzung vom kolonialen «Anderen», aber auch seine Vereinnahmung und Instrumentalisierung eine grundlegende Rolle.» (Patricia Purtschert) Einen Bogen lässt zur Schweizer Geschichte seit dem 19. Jahrhundert schlagen. Einerseits spielte diese Abgrenzung vom «Anderen» auch in der Ausbildung einer schweizerischen Identität im modernen Nationalstaat eine wichtige Rolle. In diesem Fall bezog sich die Abgrenzung allerdings auf «interne Andere», die Alpenbewohner einer primitiven Welt. Dieses Konzept entstand im Zusammenhang mit der Ausbildung des kolonialen «Anderen». (Bernhard C. Schär) Andererseits spielt die Wahrnehmung «der Anderen» auch in der aktuellen Migrationsdebatte oder in der Diskussion über die aktuelle nationale Identität oder «Leitkultur» eine wichtige Rolle.

Gezeigt hat sich immer wieder, dass Zweifel an einer eurozentristischen Perspektive angebracht sind und dass man die Vorstellung klar abgegrenzter Nationen hinter sich lassen kann um den Blick für grenzüberschreitenden Austauschprozesse zu öffnen.

Die Anwendung von Ansätzen der postcolonial studies im Geschichtsunterricht generell und in Verbindung mit Schweizer Geschichte im Besonderen ist gerade in Bezug auf das Verständnis von aktuellen Entwicklungen sehr interessant und auch von Bedeutung. In einer ersten Debatte soll die Thematik der nach wie vor präsenten kolonialen Denkmuster und Wissensstrukturen sowie deren Integration in den Geschichtsunterricht diskutiert werden. In einem zweiten Panelbeitrag soll die Thematik der Abgrenzung vom «Anderen» im Zusammenhang mit der Ausbildung einer schweizerischen Identität diskutiert und in Verbindung mit dem Geschichts- und Staatskundeunterricht gesetzt werden.

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