Wie gross war die «grosse Trennung» von Natur und Kultur in Europa? Sozialgeschichtliche Fragen im Anschluss an Philippe Descola

In seinem vieldiskutierten Werk «Jenseits von Natur und Kultur» (französisches Original 2005) gibt der Anthropologe Philippe Descola der «grossen Trennung» von Natur und Kultur in der europäischen Geschichte eine zentrale Bedeutung. Dieser «Naturalismus» ist es, welcher der westlichen Moderne seinen Stempel aufdrückt und ihn von den «Anderen» auf diesem Planeten unterscheidet. Man kann Descola zweifellos zustimmen, dass der Natur-Kultur-Dualismus keine universale Geltung beanspruchen kann. Doch das Werk lässt auch viele Fragen offen, wie von Kritikern und Befürwortern festgestellt wurde.

Dieser Beitrag behandelt die von Descola als «gross» bezeichnete Trennung von Natur und Kultur in der europäischen Geschichte. Aus Sicht der Fachhistorie gibt das Werk wenig Anhaltspunkte zur Chronologie und sozialen Rolle der Trennung. Schwergewichtig soll sie im 17. Jahrhundert stattgefunden haben, in nuce aber schon in der Antike angelegt gewesen und – mit bemerkenswerter Linearität – im späten 19. Jahrhundert zur Vollendung gekommen sein. Während Jahrhunderten existierten laut Descola ferner heterodoxe Strömungen wie der «Analogismus». Zu deren genauem Ausmass im Vergleich zum «Naturalismus» gibt er aber nur wenige Hinweise.

Daher scheint es angezeigt, vorerst methodische Fragen aufzuwerfen:

• Sprache/Klassifikation/Ontologie: Kann man die Trennung von Natur und Kultur ausserhalb der Sprache fassen, oder sollte man in Anlehnung an Ethnoscience und symmetrische Anthropologie auch in Europa von linguistischen Phänomenen ausgehen?

• Philosophie/Wissenschaft/Wissensgeschichte: Wie relevant sind philosophische oder fachwissenschaftliche Klassifikationen und Diskurse für die Weltauffassung der breiten Bevölkerung? Bewirkten sie im vorliegenden Fall tiefgreifende Wandelerscheinungen oder perlten sie am populären Wissen und Verhalten ab?

ReferentIn