Entfremdung von der Natur? Spätaufklärerische Wissenspraktiken und die Annäherung an die Natur in der «Botanophilie»

Zweifelsohne hat der Dualismus von Natur und Kultur, den Philippe Descola unter dem Terminus «Naturalismus» zusammenfasst, die europäische Moderne weitgehend geprägt. Genauerer Betrachtung bedarf aus historischer Perspektive jedoch die Vorstellung, wonach die Dichotomie von Kultur und Natur massgeblich im Zeitalter der Frühen Neuzeit entwickelt worden sei. Sie habe sich insbesondere im Rahmen der «wissenschaftliche Revolution», der «Rationalität» der Aufklärung und der damit verbundenen «Objektivierung» der Natur entwickelt – so das (nicht nur bei Descola auftauchende) Narrativ.

Der Beitrag hinterfragt diese Vorstellung einer Omnipräsenz der Dichotomie von Kultur und Natur im aufklärerischen Denken anhand der zeitgenössischen Diskurse über die Ordnung der Natur sowie anhand der Perzeption von Pflanzen, bzw. der konkreten Praktiken im Umgang mit Pflanzen. Vorstellungen von einer «Verwandtschaft» unter den Lebewesen und das Ziehen oder aufwendige Pflegen von Pflanzen in der sogenannten «Botanophilie» verweisen durchaus auf nicht-dualistische Entwürfe von Natur und Kultur um 1800.

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