«Lebensraum» Stadt. Ökokybernetik, Modernitätskritik und die Entdeckung der Spezies Stadtbewohner:in in den 1970er-Jahren

Auf die Krise der Städte folgte die Neuerfindung der Stadt: Nachdem das Paradigma der modernen Stadtplanung um 1970 endgültig in Ungnade gefallen war, formierte sich zwischen Akteur:innen aus Wissenschaft, politischen Subkulturen, zivilgesellschaftlichen Fachverbänden und Behörden eine neue Idealvorstellung der Stadt. Ein zentrales Element davon war eine Redefinition von «Natürlichkeit» als Leitbild für die Stadt. Dabei sind zwei Strömungen auszumachen: Zum einen die romantisch inspirierte Sehnsucht nach einer als «natürlich» begriffenen vormodernen Lebensweise, die sich in der Aufwertung «traditioneller» und teilweise esoterischer Wissensbestände und einem positiven Bezug auf die Figur des «Primitiven» äusserte. Zum anderen waren das naturwissenschaftlich-technizistische Ansätze einer «biologischen Kybernetik» (Frederic Vester), die im Zusammenhang mit der entstehenden Umweltbewegung und einem neuen Bewusstsein von der Welt als System miteinander verschalteter ökologischer Kreisläufe eine Popularisierung erfuhren.

Der Beitrag fragt danach, wie sich diese beiden Strömungen in der Genese eines neuen Verständnisses von «Natürlichkeit» verbanden, welche Akteur:innen sich mit ihren je eigenen Vorstellungen des «Natürlichen» in die Diskussion einbrachten, welche Konflikte dabei entstanden, und welche Konsequenzen sich daraus für die Gestaltung der Stadt ergaben. Anhand der Alternativbewegung, der Arbeitsgemeinschaft Umwelt der Zürcher Hochschulen (AGU) und des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) als jene Institution, die die beiden Initiativen wesentlich förderte, kann das Netzwerk von unterschiedlichen Akteur:innen, die an der Konzeption der ökologisch-«natürlichen» Stadt beteiligt waren, konkret untersucht werden. Es zeigt sich dabei, dass das «Quartier» als optimaler «Lebensraum» der Stadtbewohner:innen zur neuen stadtplanerische Grösse avancierte, über die das neue Stadtideal planerisch implementiert werden konnte.

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