Organische Ganzheiten. Carolyn Merchant und die sozio-ökologischen Stadt-Utopien der Frühen Neuzeit

Im Vortrag stehen Konzepte des Zusammenlebens von Menschen und nicht-menschlichen Wesen in Stadt-Utopien des 16. und 17. Jahrhunderts im Vordergrund – literarische Stadtentwürfe, in denen Szenarien guter gesellschaftlicher und architektonischer Ordnung imaginiert wurden. In Carolyn Merchants «The Death of Nature: Women, Ecology and Scientific Revolution» (1980) nehmen solche Utopien eine Schlüsselrolle ein. Parallel zum Aufstieg eines mechanischen Weltbildes fanden sich ihr zufolge im 16. und 17. Jahrhundert sozialrevolutionäre sowie literarische Alternativen formuliert. In den Utopien seien alle ‹natürlichen› und ‹sozialen› Teile in einer organischen Ganzheit gedacht; menschlichen und nicht-menschlichen Bestandteilen käme der gleiche Wert für den Zustand der Gemeinschaft zu (Ebd., 95).

Mit ihrer Lesart der literarischen Stadtentwürfe Tommaso Campanellas und Johann Valentin Andreaes legte Merchant die Anfänge einer Untersuchung des Mensch-Natur-Verhältnisses in frühneuzeitlichen Utopien. Im Vortrag soll Merchants Annahme nachgegangen werden, dass in solchen Weltentwürfen nicht nur radikale Alternativen zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung formuliert wurden, sondern auch das Verhältnis des Menschen zur Natur ausgelotet wurde. Während etwa in Thomas Morus‘ «Utopia»-Stadt Amaurotum anhand der gerechten Distribution von Ressourcen die Vertreibung der Landbevölkerung von den englischen commons kritisiert wurde (1516), zeigt sich in Andreaes «Christianopolis» (1619) und Campanellas «Civitas solis» (1623) ein auf Erhaltung ausgerichteter Umgang der Menschen mit der nicht-menschlichen Umwelt. Bei Cavendish spielen Mischwesen aus Menschen und Tieren die Rolle wissenschaftlicher Unterweiser für die in die «Blazing World» versetzte menschliche Herrscherin (1666). Diese Beobachtungen lassen ein utopisches Denken in sozio-ökologischen Beziehungen vermuten, das es genauer zu beschreiben gilt.

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