Kreislauf-Visionen der nationalsozialistischen Recycling-Politik: Das Beispiel der Lumpen

Die mehrdimensionale Mobilisierung von Abfall durch das NS-Regime ist in der Geschichte des Nationalsozialismus bisher nur unzureichend betrachtet und gewürdigt worden: Es ging dem Regime nicht nur darum, Reste als Ressourcen für die auf schnell auf Autarkie und Krieg ausgerichtete Wirtschaft zu nutzen, sondern immer auch um die Mobilisierung der Volksgenossen. Es sind im Rückblick wesentlich die zahlreichen Eingriffe des NS-Regimes in die damals so genannte Altstoffwirtschaft, die es dem/der Historiker*in erlauben, das eher im Hintergrund wirkende Gewerbe näher fassen und beschreiben zu können.

Der Vortrag skizziert die Eckpunkte der nationalsozialistischen Altstoffwirtschaft und fokussiert näher auf Lumpen, um anhand eines Fallbeispiels den Weg vom Rest zur Ressource kritisch zu verfolgen und nach den Kontinuitäten und Zäsuren durch die NS-Abfallpolitik zu fragen. Bereits Suanne Köstering hat den quantitativen Einschnitt aufgezeigt, der mit der nationalsozialistischen Arisierung des Altstoffgewerbes einher ging. Die Arisierung führte außerdem zu einer systematischen Zerstörung der tradierten Netzwerke des Sammelns und Handelns sowie zum Verlust der angestammten Expertise des Auftrennens in ausdifferenzierte Altstoff-Kategorien, welche die Basis für die produktive Rückführung der Altstoffe bildeten. Der genauere Blick in das Sammeln, Aufbereiten und Weiternutzen eines Altstoffs wie der Lumpen zeigt, dass der NS-Abfallpolitik eine Steigerung von Recyclingquoten nur dort gelang, wo Recycling ohnehin üblich war und die Industrie Rezyklate wie die Reißwolle leicht verwerten konnte.

ReferentIn